Mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren ist gesünder und günstiger als mit dem Auto. Doch hält auch der CO2-Vorteil stand, wenn man die Energie, die der Körper beim Training verbrennt, durch Mahlzeiten ausgleicht, die eine schlechtere Klimabilanz haben?
Als Radfahrer pendle ich selbst nahezu täglich zur Arbeit und zurück und verbrauche dabei viel Energie, die ich in Form von Nahrung wieder aufnehme. Der Brennwert der Mahlzeiten bestimmt dabei die Energie, die der Körper aufnimmt. Die dann beim Training verbrauchte Energie lässt sich anhand von Körpereigenschaften und Trainingsparametern ermitteln. Durch Aufzeichnung per Smartwatch weiß ich zum Beispiel, dass ich auf meinem Arbeitsweg insgesamt 700 Aktivitätskalorien für den Hin- und Rückweg verbrauche. Meine durchschnittliche Herzfrequenz beträgt dabei 150 bis 160 (das entspricht einer intensiven Fahrweise).
Möchte ich also mein Körpergewicht halten, muss ich also ein durchschnittliches Mittagessen zusätzlich zu mir nehmen.
Seit einigen Monaten zeigt das Studentenwerk Dresden in seinem Speiseplan für fast jedes Gericht die CO2-Äquivalente, sodass Mensa-Gäste direkt auf einen Blick sehen, wie klimafreundlich ein spezielles Gericht tatsächlich ist. Das Studentenwerk Dresden schreibt:
Dabei werden die CO2-Emissionen aller Zutaten auf dem Teller berücksichtige [sic], die bei der Herstellung vom Acker bis in die Küche entstehen.
Diese werde ich unter anderem als Berechnungsgrundlage für diesen Beitrag verwenden.
Wie viel CO2 spare ich denn im Vergleich zum Auto?
Da ich früher auch jahrelang ausschließlich mit dem Auto zur Arbeit und zurück gefahren bin, kann ich aus Erfahrungswerten einschätzen, wie viel Treibstoff ich früher verbraucht habe. Ich werde für meine Berechnung allerdings nicht den WLTP-Wert benutzen, mit welchem die gCO2 pro km für ein Fahrzeug angegeben sind (den Sie vielleicht von der Kfz-Steuer kennen), da dieser alle anderen Gase außer CO2 vernachlässigt. Stattdessen werde ich den CO2-Rechner von Quarks benutzen, welcher auch alle weiteren emittierten Gase in CO2-Äquivalente (CO2e) umrechnet, um einen fairen Vergleich zu den CO2-Äquivalenten bei den Mahlzeiten zu schaffen. In meiner Rechnung sind die Emissionen bei der Herstellung des Autos mit inbegriffen, da ich für meinen Fall ein Auto anschaffen müsste, um damit auf Arbeit zu fahren. Für alle Berechnungen wird die Lebensdauer eines Autos auf 220.000 km festgelegt und davon ausgegangen, dass eine Person im Auto allein auf Arbeit fährt.
Mein Arbeitsweg waren mit dem Auto 13,5 km pro Richtung, bei 7,5 l/100 km Benzin-Verbrauch. Mit dem Quarks-Rechner ergeben sich hier 6,8 kg CO2-Äquivalente, die an einem Arbeitstag emittiert werden. Würde ich mir stattdessen ein Elektroauto anschaffen, wären es 4,0 kg CO2-Äquivalente.

Genau dies sind die CO2-Äquivalente, die ich einspare, wenn ich stattdessen mit dem Fahrrad fahre. Im Gegenzug nehme ich die 0,3 kg CO2-Äquivalente der Herstellung des E-Bikes hinzu. Das wird zugegebenermaßen mehr sein, als bei einem gewöhnlichen Fahrrad, aber da ich sonst keine Daten habe, muss das genügen.
Wie viel emittiere ich durch die Begleiterscheinungen des Radfahrens?
Um nun den Vergleich zum Auto zu ziehen, müssen die Emissionen errechnet werden, die durch den Mehraufwand beim Radfahren zusätzlich entstehen. Zum Beispiel durch die zusätzliche Wäsche, die gewaschen werden muss. Insgesamt fällt bei mir in etwa 50 % mehr Wäsche an. Ich trinke zusätzlich 1,5 Liter Flaschenwasser. Ich gehe doppelt so häufig duschen. Und natürlich gibt es da die zusätzliche Mahlzeit, die ich zu mir nehmen muss. Hier ist meine Rechengrundlage:
| Fahrrad | Auto | |
| Transportmittel | 0,3 kg CO2e | 6,8 kg CO2e |
| zusätzliche Wäsche (eine pro 10 Arbeitstagen) | 0,01 kg CO2e | |
| zusätzliches Flaschenwasser (1,5 Liter pro Tag) | 0,3 kg CO2e | |
| zusätzliche Dusche (Durchlauferhitzer, eine alle zwei Tage) | 0,17 kg CO2e | |
| Gesamt, ohne zusätzliche Mahlzeit | 0,78 kg CO2e | 6,8 kg CO2e |
Die zusätzliche Wäsche wurde errechnet aus deutschem Strommix tagsüber von 150 g CO2e / kWh1 und einem Verbrauch von 0,7 kWh pro Waschgang2, geteilt durch 10 für eine zusätzliche Wäsche pro 10 Arbeitstagen. Das zusätzliche Flaschenwasser ist mit 1,5 Liter pro Tag angesetzt, basierend auf 203 g CO2e pro Liter3. Für die zusätzliche Dusche rechne ich mit 10 min Betrieb des 24 kW Durchlauferhitzers auf 50 % Intensität, ergibt 1 kWh, geteilt durch 2 für eine zusätzliche Dusche alle zwei Tage – multipliziert mit dem deutschen Strommix abends von 350 g CO2e / kWh.
Ich bin überrascht. Bevor ich mit diesem Beitrag begonnen hatte, hab ich nichts vorher berechnet. Dass sich ausgerechnet die zusätzliche Wäsche als minimalster Einfluss entpuppt – das Flaschenwasser jedoch als großer – hätte ich nicht erwartet.
Wie viel emittiere ich durch die zusätzliche Mahlzeit?
Nun sind wir endlich an dem Punkt angekommen, auf den dieser Beitrag von Beginn an abzielt – die zusätzliche Mahlzeit. Hier hat man bei der Wahl des Gerichts einen sehr großen Einfluss darauf, wie stark dieses ins Gewicht fällt. Meistens haben vegetarische Gerichte eine bessere Klimabilanz als fleischhaltige Gerichte, was sich im Mensa-Speiseplan vom Studentenwerk Dresden leicht bestätigen lässt – aber es gibt auch einzelne fleischhaltige Gerichte, die weniger schlecht abschneiden. Betrachten wir folgende Optionen:
Mensa: niedrige CO2e

Rucola-Süßkartoffelschnitte mit scharfer Tomatensalsa, dazu Zucchini-Bulgurpfanne (vegan)
0,35 kg CO2e4
= 1,13 kg CO2e Rad-Zusatz
Mensa: hohe CO2e

Schweinerückensteak mit deftiger Paprika-Wurstsoße, dazu kleine Schwenkkartoffeln und Salat (fleischhaltig)
1,93 kg CO2e5
= 2,71 kg CO2e Rad-Zusatz
Für einen breiten Überblick nehme ich auch noch Gerichte von Frosta hinzu – aber hier gilt es zu beachten, dass sich die Berechnung bei Frosta von der des Studentenwerks unterscheidet und grundsätzlich pessimistischer ausfällt, da hier Transport nach und Zubereitung zuhause inbegriffen ist!
Frosta: niedrige CO2e

Veganes Nudelgericht mit Gemüse, in einer Sauce aus Kokosmilch. Tiefgefroren.
0,94 kg CO2e6
= 1,72 kg CO2e Rad-Zusatz
Frosta: hohe CO2e

Reisgericht nach indischer Art mit marinierter, gegarter Hähnchenbrust und Blattspinat in einer Tomaten-Butter-Sauce. Tiefgefroren.
2,4 kg CO2e7
= 3,18 kg CO2e Rad-Zusatz
Alles in einer Übersicht
Nun stellen wir die CO2-Bilanz aus der Herstellung des Rades, sowie den „Rad-Zusatz“ (also die zusätzlichen Emissionen durch die Begleiterscheinungen des Radfahrens und der zusätzlichen Mahlzeit) den CO2e-Emissionen des Autofahrens gegenüber.

Betrachten wir nochmal die 6,8 kg bzw. 4,0 kg CO2-Äquivalente für den Arbeitsweg mit dem Auto. Überraschenderweise kommt man mit einer zusätzlichen Mahlzeit mit eher schlechterer CO2-Bilanz (wie das Butter Chicken von Frosta) auf schon 80 % der Emissionen eines E-Autos, das aus einem schmutzigen Strommix mit 429 g CO2 pro kWh geladen wird! Lade ich mein hypothetisches Elektroauto stattdessen ausschließlich von meiner hypothetischen, heimischen PV-Anlage (also klimaneutral), kann dann nur noch das in der Klimabilanz beste Gericht das Elektroauto unterbieten.
Ganz unabhängig vom Auto schneidet der ÖPNV laut Quarks schon unter den heutigen Umständen mit 1,9 kg CO2e auf dieser Strecke besser ab, als wenn man beim Radfahren als Ausgleichs-Mahlzeit eine solche mit hohen CO2-Äquivalenten wählt. Dieser Vergleich ist aber mit Vorsicht zu genießen, da der ÖPNV im Gegensatz zu den anderen Fortbewegungsmitteln völlig pauschalisiert wurde. Denn wer zum Beispiel ausschließlich mit der Dresdner Straßenbahn unterwegs ist, verursacht auf der gleichen Strecke hingegen um Faktor 17 weniger Emissionen: nur 0,11 kg CO2-Äquivalente (berechnet aus „Herstellung“ von Quarks und dem Nachhaltigkeitsbericht der Dresdner Verkehrsbetriebe).
Die Wahl des Mittagessens hat also tatsächlich einen großen Einfluss darauf, wie groß der Klima-Vorteil des Radfahrens gegenüber dem Autofahren tatsächlich ist.
Der ÖPNV kann in Ballungsräumen sogar klimafreundlicher sein, als mit dem Fahrrad zu fahren – auch komplett ohne zusätzliche Mahlzeit. Klimaschädliche Mahlzeiten nach dem Radfahren vergrößern allerdings den Abstand generell.
Klima ist nicht gleich Umwelt
Betrachten wir das Diagramm, könnten wir daraus schließen, dass man generell umweltfreundlicher unterwegs ist, wenn man das Rad stehen lässt und mit seinem E-Auto mit PV-Strom auf Arbeit fährt.
Das stimmt aber nicht! Schließlich haben wir hier nur einen negativen Teil des Autofahrens – nämlich CO2-Ausstoß – mit einem negativen Teil des Radfahrens – die zusätzliche Nahrungsaufnahme – verglichen und wie diese sich auf das Klima auswirken würden. Dabei bringt das Auto der Umwelt auch abseits vom Klima noch deutlich mehr Nachteile, die hier gar nicht berücksichtigt wurden. Verschmutztes Wasser, Lärm, tödliche Unfälle, Hitzeinseln durch versiegelte Flächen, usw…
Zumal das „klimaneutral geladene E-Auto“ für die meisten Menschen im Jahre 2026 ohnehin ein unrealistisches Unterfangen ist (allein aufgrund der Anschaffungskosten), und sie deshalb einfach zum Verbrenner greifen würden. Und so wäre allein die CO2-Bilanz schon wieder mehr als doppelt so schlecht wie beim CO2-intensivsten Gericht auf unserer Liste.
Aber vielleicht zieht der ein oder andere aus diesem Vergleich auch den Schluss, mal ein anderes Mittagessen zu probieren, weil der Einfluss davon größer ist, als er es sich vielleicht vorgestellt hätte.
- https://app.electricitymaps.com/map/zone/DE/live/fifteen_minutes ↩︎
- https://digitalassets-cdn.thron.com/api/v1/content-delivery/shares/ivq4cm/contents/do-8f80e39d-0527-4c66-94d3-ffb346654c2d/pdf/859993091630_IFU_de.pdf ↩︎
- https://atiptap.org/studie-vergleicht-co2-fussabdruck-von-flaschen-und-leitungswasser/ ↩︎
- https://www.studentenwerk-dresden.de/mensen/speiseplan/details-338270.html ↩︎
- https://www.studentenwerk-dresden.de/mensen/speiseplan/details-338167.html ↩︎
- https://www.frosta.de/produkte/schnelle-gerichte/nom-nom-noodles/ ↩︎
- https://www.frosta.de/produkte/schnelle-gerichte/butter-chicken/ ↩︎