Das Affinity Programmfenster schwebt vor einem stilistischen schwarz-grünen Hintergrund.

Was kann Canva AI im neuen Affinity?

Seit 2022 nutze ich Version 2 von Photo und Designer, heute teste ich die KI-Werkzeuge vom neuen Affinity in der Praxis. Dieses kann mit dem kostenpflichtigen Canva Pro Abonnement mit neuen Funktionen rund um generative KI und machinellem Lernen erweitert werden. Schauen wir uns an, was diese Werkzeuge drauf haben!

Canva und Affinity

Schon als Serif (die Entwickler hinter Affinity) Anfang 2024 von Canva gekauft wurden, wurden von einem Großteil der Nutzer düstere Zeiten prophezeit. Serif wurde bis dahin als sehr kundenorientiert gelobt. Nun geht Canva wohl bald an die Börse, ab dann muss im Interesse der Aktionäre gehandelt werden. Ob das gut geht, wird sich zeigen.

Deshalb staunte ich nicht schlecht, als ich am Donnerstag das Enthüllungs-Video von Affinity anschaute, wo angekündigt wurde, dass Affinity künftig kostenlos ist. Ein generell ungutes Gefühl macht sich breit, immerhin ist die Zukunft von Affinity nun nicht mehr von zahlenden Kunden abhängig, sondern vom Erfolg des Konzerns generell. Darüber schaue ich aber erstmal hinweg. Ein Lichtblick: Alle, die Version 2 gekauft haben, können diese nach wie vor herunterladen und benutzen.

Nur noch eine App

Und dabei ist das neue Affinity als Anwendung sehr gelungen! Die 3 einzelnen Apps „Photo“ für die Arbeit mit Rastergrafiken, „Designer“ für Vektorgrafiken und „Publisher“ für Layout teilten sich technisch schon immer ein gemeinsames Gerüst und viele Funktionen. Aber eben nicht alle – manchmal musste eben die App gewechselt werden, um weiter zu arbeiten.

Das ist jetzt vorbei! Die neue Affinity-App kann alles. Damit man aber nicht von der Fülle an Funktionen überfordert ist, gibt es jetzt sogenannte „Studios“, zwischen denen jederzeit gewechelt werden kann. Pixel, Vektor und Layout ersetzen die 3 bisherigen Apps im gewohnten Fenster-Aufbau. Es können auch nach Belieben weitere Studios hinzugefügt werden, die einen bestimmten Zweck verfolgen, zum Beispiel Colour Grading, Slices, Retuschieren und eben auch Canva AI (dazu gleich mehr).

Ein Programmfenster von Affinity zeigt das Pixel-Studio und ein geöffnetes Dokument.

Egal welches Studio gerade aktiv ist, mit den im Dokument platzierten Objekten kann immer nicht-destruktiv weitergearbeitet werden, eines der Kernprinzipien von Affinity. Das derzeit aktive Studio regelt lediglich, welche Ansichten und Werkzeuge eingeblendet werden.

Alle langjährig bekannten Funktionen sind genau dort, wo man sie erwartet. Generell habe mich in der neuen Affinity-App sofort wohlgefühlt. Für die Version 3 wurden keine bereits in Affinity V2 vorhandenen Funktionen entfernt oder hinter die Bezahlschranke gelegt. Allerdings sind in vielen Menüs nun Canva Pro Funktionen mit einem Kronen-Symbol hinzugekommen, die sich leider nicht verstecken lassen. Außerdem wurden fast alle Symbole überarbeitet. In der Werkzeugleiste sind sie aber leider nur noch einfarbig. Wer gerne klickt, anstatt Tastaturkürzel zu benutzen, wird etwas länger suchen.

Was können die neuen Canva AI-Werkzeuge?

Außer für die Segmentierung (welche schon seit Affinity V2 enthalten ist) muss für die KI/ML-Werkzeuge beim in Affinity hinterlegten Canva-Konto das Canva Pro-Abonnement abgeschlossen werden. Dieses kostet für Privatpersonen 12 € im Monat. Durch das einmonatige Probe-Abonnement habe ich mir das einmal genauer angeschaut, bevor ich mich dafür entscheide.

Eines der KI-Werkzeuge, die hier in Affinity hinzukommen, sind zum Beispiel Depth Maps. Darauf bauen die Werkzeuge „Porträtunschärfe“, „Porträtausleuchtung“ und „Markierte Tiefe auswählen“ auf. Wer möchte, kann sich direkt aus einem Bild ohne Tiefeninformationen eine Depth Map als schwarz-weiß Bild generieren lassen. Damit kann nach Belieben maskiert oder Ebenen gemischt werden.

Die linke Hälfte zeigt ein Foto, die rechte Hälfte zeigt eine Depth Map, die aus dem linken Foto generiert wurde.

Noch spannender sind aber die zuvor benannten Werkzeuge, die auf die Depth Maps im Hintergrund aufbauen, ohne dass diese extra als Ebene erstellt werden muss.

Mit „Porträtunschärfe“ lässt sich nachträglich Unschärfe im Hintergrund erzeugen. Die Grenze kann in der Tiefe in der Szene verschoben werden. Ein eindrucksvoller Effekt, leider beschränkt durch die begrenzte Auflösung der Depth Map. Hier fällt jede Ungenauigkeit an den Kanten schnell auf.

Mein Favorit ist das Werkzeug „Porträtauslichtung„. Hier wird anhand der Depth Map ein Foto-Reflektor simuliert, der in der Szene platziert werden kann. Damit lassen sich dunkle Teile im Motiv auf natürliche Weise ausleuchten. Der Effekt ist eher subtil aber dafür auch überzeugend.

Das letzte Werkzeug aus der Kategorie Depth Maps ist „Markierte Tiefe auswählen„. Hier kann mit einem „Nah“- und „Fern“-Regler ein Tiefenbereich als Pixelauswahl getroffen werden, mit der danach weiter gearbeitet werden kann. Auch hier macht wieder die begrenzte Auflösung der Depth Map einen Strich durch die Rechnung, denn auch hier sind die Ränder meist ungenau.

Ein Werkzeug, welches aus dem Raster fällt, weil es aus irgendeinem Grund nicht in der Werkzeugliste zu finden ist, ist „Pixel > Pixelauswahl > Aus Ebenenmotiv„. Hier wird versucht, das Subjekt im Foto zu erkennen und dann als Pixelauswahl zu übernehmen. Das klappte in meinem Beispiel sehr gut, die Kanten wurden sehr detailliert und sogar mit Transparenz übernommen.

Aus der Sparte „generative KI“ nehme ich nur ein Werkzeug, welches trotzdem gut den Gesamteindruck darstellt: Das KI-Werkzeug „generative Füllung„. Hier kann mit einer Text-Aufforderung für einen markierten Bereich eine neue Füllung generiert werden, basierend auf dem umliegenen Foto. Zum Beispiel möchte ich in einem Bild das Halsband eines Hundes entfernen. Hier kann ich das Werkzeug auswählen und das Halsband markieren. Dann gebe ich als Aufforderung „Fell“ ein. Das Halsband soll ja verschwinden und stattdessen nur Fell zu sehen sein. Nach ein paar Sekunden Rechenanstrengung wird mir das Ergebnis präsentiert.

Ein brauner Havaneser sitzt auf einem Gipfel im Schwarzwald. Mit KI bearbeitet.

Sehen Sie, wo genau das Halsband war? Ich glaube nicht! Ein tolles Ergebnis. Leider braucht man hier viel Geduld, oft wird dem Hund einfach nur ein anderes Accessoire um den Hals gelegt. Unerwünschtes Verhalten, welches sicher noch von den Entwicklern adressiert werden kann.

Bei diesem KI-Werkzeug wird der neu generierte Ausschnitt als neue Pixel-Ebene zum Dokument hinzugefügt. Das Originalfoto bleibt unverändert. So lässt sich bis zur Zufriedenheit mit dem Ergebnis weiterarbeiten. Schauen wir aber genauer hin, sehen wir, dass die Auflösung der generierten Ausschnitte deutlich niedriger ist, als die vom Originalfoto.

Braunes Hundefell. Im oberen linken Viertel zeichnet sich eine geringere Bildqualität ab.

Betrachtet man das gesamte Foto, fällt der Ausschnitt nicht auf. Wem aber die Bildqualität wichtig ist, wird mit diesem Ergebnis nicht zufrieden sein. Im oberen linken Viertel ist die deutlich niedrigere Qualität sichtbar.

Genau hierfür wird ein weiteres KI-Werkzeug „SuperAuflösung“ angeboten, welches die Qualität der generierten Inhalte verbessern soll. Hier wählt man die Pixelebene aus, auf die der Effekt angewendet werden soll. In meinem Falle betrifft das die Ebene mit dem neu generierten Fell.

Leider macht dies alles nur noch schlimmer. Nicht nur ist die Qualität des Ergebnisses nur geringfügig besser, sondern der ganze Ausschnitt hat nun einen Farbstich erhalten, welcher den gesamten Ausschnitt aus dem restlichen Bild herausstechen lässt (obere Hälfte im Foto). Mit diesem Workflow der generativen KI lassen sich somit momentan leider keine qualitativen Ergebnisse erzielen.

Dazu fiel mir bei anderen Motiven auf, dass man sich zwar bei der generativen Füllung die Mühe macht, eine Lasso-Auswahl zu ziehen, aber ein komplettes Rechteck neu generiert wird. Dabei wird auch der komplette Kontext aus dem Rechteck verworfen, der außerhalb der ursprünglichen Lasso-Auswahl war. Im folgenden Beispielbild wollte ich den Handlauf entfernen, habe dafür eine Lasso-Auswahl wie in gelb gezogen. Da aber der rechteckige Bereich (in rot) komplett neu generiert wird, geht der Kontext hinter dem Handlauf (hier das Ufer mit den Fliesen) verloren.

Außerdem ist die Qualität bei einem Ausschnitt, der die Breite des gesamten Dokuments überspannt, noch viel schlechter als im vorherigen Beispiel mit dem Hunde-Halsband. Der Unterschied ist auch ohne Vergrößerung in diesem Vergleichsbild deutlich sichtbar.

Also: Wofür kann das KI-Werkzeug „generative Füllung“ am besten verwendet werden? Nicht zum Entfernen von Objekten. Hier zum Beispiel habe ich generative Füllung auf die zwei Objekte rechts angewendet, ohne Text-Aufforderung.

Zwei kleine Objekte im Bild sollten entfernt werden, stattdessen wird ein Pferd mit Eselsohren ins Hochwasser gestellt

Nun ja. Nur was muss ich hier als Aufforderung eingeben? „Brackwasser“, „kein Pferde-Esel“? Hier kann man mit dem „alten“ Restaurieren-Werkzeug von Affinity mit etwas Glück Ergebnisse mit besserer Qualität erzielen, wo auch wirklich nur der gewünschte Bereich aus dem umliegenden Kontext „überstempelt“ wird.

Fazit zu den KI-Werkzeugen und Canva Pro

Canva Pro ist noch viel mehr als nur die KI-Werkzeuge in Affinity. Das macht es für Menschen, die ausschließlich Affinity nutzen, schwerer zu rechtfertigen. Denn wer nur Affinity nutzt, wird von den restlichen Funktionen des Abos nicht profitieren und die KI-Funktionen in Affinity stehen alleine da. Die oben gezeigten Erfahrungen sind das, was die KI-Werkzeuge in Affinity für mich persönlich keine 12 € im Monat wert macht:

Die generative KI ist derzeit aufgrund der niedrigen Auflösung nur eine Spielerei und allerhöchstens für Mockups oder „Wegwerffotos“ zu gebrauchen, nicht für qualitative, hochauflösende Arbeit. Stattdessen empfielt sich das händische Stempeln oder Restaurieren.

Die Werkzeuge rund um die Depth Map sind noch nicht genau genug, hier besticht nur das Tool „Porträtauslichtung„.

Zuletzt ist die Pixelauswahl aus Ebenenmotiv noch nützlich, aber diese kann eigentlich auch nicht mehr, als das Segmentierungsmodell, welches schon seit Affinity V2 enthalten ist. Dort hat man allerdings sogar mehr Kontrolle bei der Auswahl und es arbeitet auch deutlich schneller. Dieses ist weiterhin ohne Abonnement nutzbar.

Ich hoffe, das Entwicklerteam wird die KI-Werkzeuge weiterhin verbessern. Denn das, was schon geht, lässt durchaus Potenzial durchblicken. Ich werde all dem zu einem späteren Zeitpunkt nochmal eine Chance geben.

Affinity selbst empfehle ich weiterhin bedenkenlos weiter. Jetzt, wo es kostenlos ist, umso mehr!

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